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2004: Bus- und Lastwagenfahrer

Begegnung mit einem Lastwagen auf einsamer Strecke

Aus Gründen, die im Folgenden erkennbar werden, will ich über die bolivianischen Bus- und Lastwagenfahrer berichten. Mit ihrer Ausdauer, Geschicklichkeit, Einfallsreichtum und Tatkraft beweisen sie oft die besten Eigenschaften, die man dort unter den Menschen vor dem Hintergrund einer Bevölkerungsmehrheit findet, die sich im informellen Sektor ohne viel Phantasie durchzuschlagen versucht. Wenn ich über sie berichte, muß ich davon absehen, was sie häufig transportieren. Aber das verantworten sie nicht und sie erhalten von den damit erzielten Gewinnen nichts. Es ist über sie zu berichten, weil man auf den verlassenen Straßen, die oft nur Wege sind, mit ihnen zu tun hat und gelegentlich ihre Hilfe benötigt, wenn man selber fährt oder aber selbst auf einem Lastwagen oder in einem Bus sitzt, die überallhin rollen, wohin auch nur zwei Spuren durch den Busch führen. Sie, die Choferes mit ihren Helfern, halten die Verbindungen auch in den entlegenen Gebieten aufrecht, seitdem Lastpferde, Ochsenkarren und der Transport auf den großen Flüssen verschwunden sind.

Soweit im Oriente die Straßen von Santa Cruz de la Sierra aus befestigt sind, also bis Cochabamba, Trinidad und Concepción (Chiquitanía) ist ihre Arbeit nicht sehr viel anders als die in Ländern mit einem ausgebauten Straßennetz. Aber sobald der Asphalt zuende ist, müssen sie viel mehr als Fahrer sein. Schon das Fahren selbst erfordert ab jetzt viel Erfahrung und ununterbrochene Aufmerksamkeit, aber was sie noch bewältigen müssen, sei anhand von ein oder zwei Fahrtstrecken erzählt.

Umgekippter Lastwagen am StraßenrandBei stockdunkle Nacht und strömendem Regen kommt plötzlich eine Stelle auf einem Weg, der schmaler als die Fahrzeuge wirkt. Dort stehen sich dann schon mehrere schwer beladene Lastwagen und ein Bus zum Teil bis in die Achsen im Schlamm versackt gegenüber oder eines der Fahrzeuge steckt quer verrutscht mit der Schnauze in einem Sumpfloch. Ein Bild, bei dem der unbedarfte Zivilisationsmensch meint, daß es hier zu Ende ist und ehe nicht ein Kranfahrzeug mit haushohen Stollenrädern von sonst woher geordert wird, sich hier nichts mehr bewegt. Bei einem vergleichbaren Szenario, wenn es so etwas einmal gäbe, würden in Europa Feuerwehr und Technisches Hilfswerk mit allerhand Spezialgerät ausrücken. Währenddessen rauchen unsere Leute ein paar Zigaretten oder schieben sich eine neue "bola" Coca in die Backe, unterhalten sich gemütlich und wirken ganz entspannt, während eine Weile nicht viel passiert. Dann, irgendwann werden sie munter. Ein paar Männer schlagen mit Macheten einige nicht zu starke Bäume ab, andere graben den nassen Schlamm unter ein paar Rädern weg. Zwei weitere sind damit beschäftigt, irgendwo ein dickes Drahtseil festzuzurren, dessen Ösen längst abgerissen sind, sodaß sie einen provisorischen Spleiss machen müssen. Die armdicken Rundhölzer werden dann zwischen die Doppelräder der Lastwagen gekeilt, damit sie beim Anfahren nicht durchdrehen. Man sieht nicht viel, denn es ist stockdunkel und nur hier und dort scheint für Momente eine Taschenlampe auf, aber überall wird gearbeitet. Es ist nicht alles zu erkennen was geschieht, aber nach ein paar Stunden sind die Fahrzeuge, die in die eine Richtung wollen, an denen vorbei, die in die andere Richtung wollen. Alle stehen frei und gerade und bereit zur Weiterfahrt. Alle haben mitgeholfen, eine Selbstverständlichkeit hier draußen. Selbst wenn der eigene Laster flott ist, er kommt nicht durch, wenn die anderen die Schneise versperren.

Unser alter JeepWenn man selbst irgendwo mit dem alten Toyota dazwischen gestanden hat, freut man sich, wenn man die Laster hinter sich lassen kann und auch, weil die Moskitos vom Fahrtwind erst mal weggeblasen werden, aber nach ein paar Kilometern ist wieder Schluss, weil ein riesiger Baum auf den Weg gestürzt ist. Wenn man Glück gehabt hat, gibt es an dieser Stelle nur ein Dickicht mit dünnen Bäumen, durch das man mit Vollgas seitlich hindurchbrechen kann. Gelegentlich schlägt dann ein Ast in die Windschutzscheibe, aber wenn sie nur ein paar weitere Risse abkriegt und nicht ganz zu Bruch geht, beklagt man sich nicht. Normalerweise aber muß man dem dichten Geäst mit der Machete zu Leibe gehen und eine halbe Stunde den gefallenen Baumstamm erst frei hacken. Wenn man dann keine Motorsäge dabei hat und der Stamm zu dick ist für Axt und Machete und natürlich viel zu schwer, um ihn mit dem Wagen und einem Drahtseil beiseite zu ziehen, kann man nur warten, bis ein Lastwagen kommt.

Bei solch einer Lappalie wird dann kaum ein Wort gewechselt. Der Fahrer steigt nicht mal aus, sein Helfer macht die Kette um den Stamm fest, ein Zug und der Weg ist wieder frei. Ein dummes Gefühl: Ich mag diese Lastwagen nicht, weil mit ihnen Tag und Nacht die großen Bäume aus den letzten Urwäldern der Erde herausgeholt werden, aber ihre Fahrer freundliche und hilfsbereite Leute, die einen oft genug aus einer schwierigen Lage herausholen, wenn einmal der Wagen bis über die Achsen im Schlamm steckt und das Chassis aufliegt.


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