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2006: Bolivien am Ende des Jahres

Flussufer bei Piso Firme

Die jetzige Regierung von Bolivien scheint in Bezug auf den Naturschutz keine positiven Veränderungen zu planen. Das Thema kommt in den offiziellen Verlautbarungen überhaupt nicht vor und sogenannte Siedlersyndikate, deren Funktionäre der regierenden MAS (movimiento al socialismo) nahe stehen, besetzen unberührte Waldreserven und nehmen sich dort , was für sie in Geld oder Nahrung bedeutet, also in erster Linie Edelhölzer und die wildlebenden Tiere. Es gibt von Regierungsseite aus bisher kaum Signale, daß diesem Treiben Einhalt gebieten würde. Dazu kommt, daß es bei den sich weiter zuspitzenden politischen Konflikten und der ökonomischen Dauerkrise im Lande keine politische Kraft gibt, die der Umweltzerstörung etwas entgegensetzen würde oder könnte. Wenn wir unter diesen Umständen als kleiner Verein großspurige Versprechen in Hinsicht auf dauerhaften Naturschutz machen würden, wäre das eine Übertreibung, die wir den etablierten Großorganisationen überlassen, die trotz ausgefeilter Propaganda bisher auch nicht erreicht haben, daß die Urwälder und andere Ökosysteme nicht weiter vernichtet werden.
Unsere bescheidene, aber im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgreiche Aktivität besteht darin, nicht nur Rufer in der Wüste zu sein, sondern auch Oasen in der Wüste zu schaffen, beispielhaft Alternativen aufzuzeigen und das Bewußtsein der Menschen in den betroffenen Regionen zu verändern.

Unser Zentrum in Piso Firme ist nicht nur Ausgangspunkt für konkreten Einfluss auf das Geschehen in dem umliegenden Gebiet, sondern auch beachtetes Vorbild für eine andere Art und Weise, sich gegenüber der Umwelt zu verhalten. So wird jeder Einwohner von Piso Firme mit der Tatsache bekannt, daß unsere Einrichtung dort nicht profitorientiert ist, daß es sich nicht um ein Unternehmen handelt, beispielsweise die logistische Basis eines Sägewerks oder zur Ausbeutung des Fischreichtums, sondern um eine Organisation, die für die unschädliche Integration des Menschen in eine sich noch immer durch Schönheit und natürliche Vielfalt auszeichnende Umgebung steht.

Unsere, unter Einsatz dort und hier in Europa von Förderern weiterhin aufrechterhaltene Präsenz, ist eine dauerhafte Mahnung an die Bevölkerung dort, eine neue Haltung zu ihrer natürlichen Umgebung einzunehmen. Die Leute interessieren sich, wie überall, zunächst einmal für alles Andere als für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Aber unser Anliegen ist inzwischen  bekannt und wird beachtet. Als Zeichen für wenigstens eine zunehmende Toleranz, vielleicht sogar etwas Interesse an der Artenvielfalt in ihrer Umgebung wage ich die Tatsache herauszustellen, daß in den vergangenen Jahren die Zahl der Riesenotter (pteronura brasiliensis) merklich zugenommen hat, obwohl sie früher als Fischräuber diffamiert und verfolgt wurden und daß ich zur Beobachtung gerufen werde, wenn sich zum Beispiel ein Trupp Toucanillos (kleine Tukane, Pteroglossus bitorqautus) auf einem der größeren Bäume eingetroffen ist.

Was wurde im Jahre 2006 erreicht und wo stehen wir jetzt?

Harry Huber, der Wirt von der Treffpunktkneipe "Munich"in Santa Cruz hat sich ein 15 Hektar großes Grundstück am Rande des Amboró Nationalparks gekauft und ein Haus dort gebaut. Er ist nicht Mitglied bei uns, aber absolut in unserem Sinne tätig. Er schützt jedes Tier und jeden Baum und sorgt dafür, daß seine weniger sensiblen Nachbarn jedenfalls auf seinem Land keinen Schaden mehr anrichten. Was er in privater Initiative für die Natur macht, dafür hätten wir lange sammeln müssen.
Unser Haus in Concepción ist bautechnisch verbessert worden und wartet weiterhin auf Gäste. Man kann direkt von der Terrasse aus zu bestimmten Jahreszeiten riesige Schwärme von Greifvögeln beobachten, darunter sehr seltene, die u.a. aus Nordamerika kommen, um in Südamerika zu überwintern. Nach einem mir vorliegenden Sonderbericht der Tageszeitung "El Deber" finden sich die größten Ansammlungen von ihnen in ganz Südamerika zeitweise bei Concepción.

Piso Firme

Die von uns dem Ort gebaute Wasserversorgung funktioniert noch einwandfrei. Auch wir profitieren davon, weil wir auf unserem Anwesen fließendes Wasser haben. Die auf dem Grundstück gepflanzten Urwald- und Früchtebäume, soweit sie überlebt haben, entwickeln sich prächtig und man kann sich unter ihrem Schatten bereits ausruhen. Die Cabañas sind von der Substanz her in Ordnung. Wenn man immer dort wäre, könnte man das Anwesen ohne viel Aufwand in einen sehr guten Zustand bringen. Da aber bisher meistens nur der Casero dort ist, der trotz "Einweisung" immer noch keine rechte Vorstellung davon hat, was wir uns unter "schmuck" und "gepflegt" vorstellen, ist Einiges zu bemängeln. Zum Beispiel wollte er beim Einziehen einer geschlossenen Wand nur sehr kleine Fenster einsetzen, solche, wie hier die Bauernhäuser im Mittelalter hatten. Für die Leute dort ist eine möglichst abgeschlossene Unterkunft wichtig. Daß wir lieber viel Licht und Luft in einem Haus haben wollen, muß erst vermittelt werden.
Während meines nicht sehr langen Aufenthaltes im Oktober habe ich per Auftragsarbeit Liegengebliebenes machen lassen und auch selbst mit zugepackt. Was in Piso Firme noch verbessert werden kann, hängt davon ab, wie viel Geld dem Verein im Jahre 2007 zur Verfügung stehen wird.
Bei meinen Unternehmungen in diesem Jahr 2006 bin ich wieder sehr durch das Fehlen eines geeigneten Fahrzeugs zum Personen- und Materialtransport behindert gewesen. Deshalb haben drei Leute von unserem Verein beschlossen, daß wir beim nächsten Mal privat ein geländegängiges Fahrzeug von besserer Qualität als der alte Toyota-Jeep, kaufen werden.
Obwohl für die Überlandfahrten, sobald sie geringfügig von den Hauptstraßen abweichen, ein geländetaugliches Fahrzeug unabdingbar ist, habe ich bisher vermieden, dem Verein für die Projekte zur Verfügung gestelltes Geld dafür zu verwenden, weil eine Begründung für die Notwendigkeit nur verstanden werden kann, wenn man die Verhältnisse im Lande kennt. Wir werden versuchen, den Unterhalt für den Wagen dadurch zu finanzieren, daß wir Bolivien- oder Piso Firme - Besuchern Touren anbieten. Der Wagen und gegebenenfalls noch ein Boot und ein Außenbordmotor werden deshalb benötigt, weil alles dort bei teilweise katastrophalen Straßenverhältnissen weit ist. Busse fahren nur auf den Hauptstrecken oder unregelmäßig und sind für unsere Zwecke nicht zu gebrauchen. Individuelle Mobilität ist die Voraussetzung, wenn man nicht nur in Orte fahren will, die von Santa Cruz aus leicht und schnell zu erreichen sind.
Manches bisher Geschriebene lässt beim unbefangenen Leser vielleicht die Frage aufkommen, ob das denn nun alles Naturschutz sei, dem wir uns doch verschrieben haben. Ich selbst hatte vor zehn Jahren ebenfalls eine völlig andere Vorstellung darüber, wie wir Naturschutz machen würden. Einiges hängt mit der Entwicklung unseres Verein zusammen. Ich hatte gehofft, daß sich bald eine größere Gruppe finden würde, die eine permanente Präsenz in Bolivien gewährleisten könne. Aber alle infrage kommenden Leute haben sich inzwischen eigenen Lebensentwürfen zugewandt. Wir, die wir jedes Jahr hingefahren sind, konnten nicht ganz und gar dort bleiben. Wenn wir das gemacht hätten, gäbe es übrigens hier in Deutschland den Verein nicht. Es hängt also einmal von den Möglichkeiten der Akteure ab und zweitens muß man Bolivien kennen lernen, um zu begreifen, was dort möglich und sinnvoll ist und was nicht.

Wir haben Einiges erreicht. Vieles nicht, aber dabei viele Erfahrungen gemacht und gelernt. Wenn unsere Mitglieder weiter mitmachen und hoffentlich noch viele neue dazukommen, können wir weitermachen, wobei sich immer wieder neue Perspektiven auftun. Manche müssen wieder aufgegeben werden, andere weisen die richtige Richtung.


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